Im Gegensatz zur verwandten Esskastanie, die die beliebten Maronen liefert, sind die unreifen und bitteren Früchte der Rosskastaniengewächse (lat. Aesculus) ungenießbar. Ihr weiches und unbeständiges Holz findet lediglich als Bauholz und bei der Fertigung von Gefäßen und Kisten Verwendung. Von besonderem Interesse sind ihre Naturheilkräfte dagegen in der Medizin. Hier sind ihre Inhaltsstoffe wichtiger Bestandteil zahlreiche Arzneimittel, die bei Gefäßerkrankungen zum Einsatz kommen oder ganz allgemein zum körperlichen und geistigen Wohlbefinden beitragen.

Herkunft und Botanik

Ihren Namen trägt die Rosskastanie aufgrund ihrer damaligen Verwendung als Futtermittel für Pferde, die husteten oder Atembeschwerden aufwiesen. Botaniker gingen lange davon aus, dass die Pflanze in ihrer gewöhnlichen Form (lat. Aesculus hippocastanum) aus Konstantinopel kommt. Von dort aus sei sie im 16.Jahrhundert zusammen mit Tulpen und Flieder zunächst nach Wien und dann in das restliche Europa gelangt, wo sie sich aufgrund ihrer schönen weißen Blüten schnell zu einem beliebten Zierbaum entwickelte.

Erst im 19.Jahrhundert wurden Standorte im Norden Griechenlands und auf dem Balkan entdeckt, die belegen, dass Rosskastanien bereits zu Urzeiten in Europa wuchsen. Neben dieser einzigen in Europa heimischen und weiß blühenden „Aesculus hippocastanum“ gibt es noch zahlreiche andere „Aesculus“-Arten in Asien und Nordamerika. Sie können ungefähr 300 Jahre alt und bis zu 30 Meter hoch werden.

Vielseitige Verwendungsmöglichkeiten

Medizinisch angewandt werden vor allem die braun glänzenden Samen der Kastanie, die im Herbst von den gelbgrün leuchtenden Fruchtkapseln freigegeben werden. Ihre Wirksamkeit ist bereits in mehreren wissenschaftlichen Studien belegt worden. Die zugrunde liegenden Qualitätsstandards sind im Deutschen Arzneibuch genauestens geregelt.

Die in den Pflanzensamen in hoher Anzahl enthaltenen Gerbstoffe verfügen über die Eigenschaft, das menschliche Gewebe zusammenziehen zu können und eignen sich daher hervorragend als Zusatz in blutstillenden Mitteln. Hinzu kommen sogenannte Saponine, die, insbesondere die Saponinmischung Aescin, wassertreibend, schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken. Zusätzlich werden die Venen gestärkt, die Durchblutung gefördert und ein Austreten von Blutbestandteilen in benachbartes Gewebe verhindert. Begleitende Symptome wie nächtliche Krämpfe, geschwollene Beine, rheumatische Schmerzen und allgemeines Schweregefühl werden ebenfalls gelindert.

Wirksamkeit wissenschaftlich bestätigt

Sowohl das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als auch der europäische Dachverband nationaler Gesellschaften für Phytotherapie empfehlen ausdrücklich den Einsatz von Samenextrakten bei allgemeiner Venenschwäche, Thrombosen, Hämorrhoiden und Krampfadern. Im Jahre 2008 wurde „Aesculus hippocastanum“ vom Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.

Auch in kosmetischen Produkten werden die Samenextrakte verarbeitet. Die Fähigkeit des Seifenstoffes Aescin, UV-Licht zu absorbieren, ermöglicht auch eine Verwendung in Sonnenschutzmitteln.

Die Wirkstoffe der anderen Pflanzenteile wie Rinde, Blätter und Blüten sind in der Medizin offiziell nicht anerkannt, finden aber in der traditionellen Volksmedizin Gebrauch. So lässt sich etwa aus den im Frühling sprießenden Kastanienblüten ein schleimlösender und Husten stillender Tee herstellen, der in niedriger Konzentration auch angespannte Nerven beruhigen und als Einschlafmittel dienen kann. Wem lange Flugreisen oder Autofahrten bevorstehen, der kann müden, geschwollenen, juckenden oder kribbelnden Beinen durch Einreiben mit „Aesculus“-Salbe oder -tinktur vorbeugen.

Nebenwirkungen

Auch wenn Menschen bereits damals die bitter schmeckende Frucht in Milch einlegten, um daraus einen Trank gegen Atem- und Gelenkbeschwerden herzustellen, vom direkten Verzehr ist abzuraten. Da die Samenschalen der unreifen hellgrünen Früchte toxisch wirken, sollte man den Kontakt bereits im Falle vorhandener Hautverletzungen meiden. Die Frucht selbst kann bei übermäßiger Einnahme Völlegefühl, Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen zur Folge haben.

Darüber hinaus sollten Schwangere, Stillende und Menschen mit Erkrankungen an Niere und Leber vor einer Einnahme erst Rücksprache mit ihrem Arzt halten. Die Kombination mit weiteren Mitteln, die die Blutgerinnung hemmen, kann zu einer übermäßigen Verstärkung dieser Wirkung führen.